Sind Jungen heute verweichlicht und verweiblicht?

Erstellt von Michael Ueberschaer am 23.01.2017, 13:46

 

Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit der besonderen Situation von Jungen in KITAS beschäftigt. Obwohl der Artikel aus dem Jahr 2010 ist, gibt er mir Anlass, mich mit ihm und Jungen in meinem Artikel zu befassen.

3 Aspekte werden dabei eine Rolle spielen.

  1. Was wollen Jungen?
  2. Was wollen Mädchen?
  3. Was können KITAS bzw. Erzieher und Erzieherinnen für Jungen tun?

Bevor ich auf diese Aspekte eingehe, möchte ich allerdings grundlegend etwas zum verlinkten Artikel sagen.

Der Artikel hat mir nicht gefallen. Es ist lobenswert, dass sich Artikel der Lebenswelt von Jungen annehmen und auch über die Bedürfnisse von Jungen reflektieren. Und dennoch bleibt für mich nach dem Lesen ein fahler Nachgeschmack.

Der Artikel erwähnt die besonderen Bedarfe von Jungen wie Raufen und Hauen.

Der Autor macht sich allerdings nicht die Mühe, zu fragen, warum Jungen diesen Bedarf haben könnten. Außerdem lässt er völlig außer Acht, dass es Jungen mit anderen Bedarfen geben könnte. Ja, meines Erachtens malt der Artikel zu sehr in schwarz und weiß.

Die Situation von Jungen in KITAS


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Es ist richtig, dass die Gestaltung des Tages in KITAS vornehmlich von Frauen gelenkt wird.

Wenn Jungen also in die KITA kommen, treffen sie auf weibliche Vorbilder. Doch Jungen brauchen männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

Andernfalls beginnen Sie, sich ihre Orientierung woanders zu holen. Denn Jungen sind keine Jungen, sondern müssen an jedem neuen Tag wieder zum Jungen werden. Das bedeutet, dass sie sich keinesfalls sicher sind, ein Junge zu sein. Denn nur wenige Jungen erleben wie das genau aussieht und wie sich das anfühlt.

Jungen sind also mehr oder weniger unwissentlich gefordert, ihre eigene Männlichkeit Tag ein Tag aus zu bestätigen. Sind keine männlichen Vorbilder vorhanden, werden sie alles vermeiden, was sie als weiblich erscheinen lässt.

Es ist selten jemand da, der hier eine Idee von Männlichkeit verkörpern kann. Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen können diese Rolle nicht übernehmen, denn sie sind Frauen. Und Jungen möchten keine Frauen, sondern Jungen, also Männer sein.

Das ist ein

Dilemma.

Die Situation von Mädchen in KITAS

Mädchen sind in KITAS wesentlich besser aufgehoben, so könnte man jetzt annehmen.

Mädchen bekommen auf vielfache Weise vorgelebt, was weiblich ist und welches Verhalten zu Frauen passen könnte. Sie haben hier im allgemeinen die Qual der Wahl und können im Laufe der Zeit das für sie Passende heraus suchen.

Doch Vorsicht! Mädchen erleben ebenfalls einen Mangel, denn sie erhalten Einblick in eine verzerrte 'männliche' Welt. Nicht nur, dass sie ihrerseits kaum erleben, das Ihnen erwachsene Männer einen Eindruck vermitteln, welche Verhaltensweisen für Männer legitim sind.

Nein, sie erleben darüber hinaus die Jungen ihres Alters als störende und kaum zu integrierende Spezies.

Was können KITAS bzw. die verantwortlichen Fachkräfte tun?

Ein Anfang wäre in den KITAS gemacht, wenn die Fachkräfte um das Dilemma bzgl. der Erziehung von Jungen in KITAS wüssten bzw. sich dies bewusst machten.

Jungen stehen heute mit Mädchen anders in Konkurrenz als vor 25 Jahren. Auf die Leistungsorientierung auch in KITAS weist der Autor richtiger Weise hin. Dies führt für Jungen leicht zu einer Überforderung, sind sie doch mit dem selbst erzeugten Bild von sich selbst als Mann schon ständig in Konkurrenz.

Männliche Fachkräfte sind aufgrund Ihrer Entscheidung zur pädagogischen Ausbildung hoffentlich geeignet, sich Jungen anders an zunehmen als derzeit vielerorts gefordert.
Jungen brauchen Männer nicht als Vorbilder, die das Klischee des Raufens und Hauens als einzige erlaubte Annäherung unter Jungen verstärken.

Jungen brauchen männliche Erzieher und Sozialpädagogen als die Verkörperung einer möglichen Männlichkeit.

Weibliche Fachkräfte können daran arbeiten, Ihre Rolle als weibliche Gegenüber für Jungen zu reflektieren.  Es ist wichtig, das Handeln von Jungen nicht als persönlichen Affront oder erzieherische Niederlage zu bewerten, sondern als Teil der Suche nach Männlichkeit durch Jungen.

Fazit

Besonders die Betreuung und Erziehung von Jungen in KITAs und anderen Einrichtungen ist nach wie vor eine sehr große Herausforderung. Pädagogische Fachkräfte sind besonders gefordert, die eigenen Rollenvorstellungen in Kombination mit Forderungen von außen zu reflektieren.

Jungen sind nicht anders als Mädchen. Sie wachsen lediglich mit einer anderen Innenperspektive auf. Es gilt, dies im Kontakt mit Jungen zum Thema zu machen.


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